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"Schwarze Netzwelt"
von Frau Prof. Dr. Birgit Richard

(...) Das Internet hebt als neues Kommunikationsmedium die individuelle Isolation durch internationale Verbindungen punktuell auf. Die schon vorhandenen materiellen "schwarzen Netze", entstanden durch Fanzines und Festivals, werden medial erweitert. Im WWW besteht die Möglichkeit der direkten Kommunikation und des Informationsaustauschs (z.B. Konzert- und Platteninfos, Gothic Clubs und Szene-Boutiquen, Filme, Comics, Bücher, Gedichte und Online Spiele) mit Gleichgesinnten, die unabhängig von räumlicher Nähe ist. Was bei den Schwarzen häufig ist, daß sie spezielle selbstgenähte Kleidung anbieten, die sich ganz im Rahmen der schwarzen Ästhetik bewegt http://www.inthenik.uss.net.au/fgowo.htm (Fashion Item - Gothic Woman).

Das für die Grufties entscheidende Strukturmerkmal ist der "link", die Verbindung zu anderen Gothic-Seiten (z.B. Death Homepage (1995), the Darkening Of the Light, The Dark Side (alle September 1996), der garantiert, daß eine permanente Verknüpfung zu anderen "Schwarzen" in aller Welt aufrechterhalten werden kann (http://ourworld.compuserve.com/ homepages/arleod/arlmusic.htm; 1999)

Die Gothics sind eine retrospektive Jugendkultur. Der gesamte Stil ist eine komplexe, historisch orientierte Form der Bewältigung von Melancholie und Depression, die individuellen und kollektiven Tod zusammendenkt. Die Grufties haben extreme und direkte Formen der Beschäftigung mit dem Tod, die vom Rest der Gesellschaft mit Unbehagen aufgenommen werden. Dies liegt an der partiellen Freisetzung und tendenziellen Enttabuisierung von Vorstellungen und Bildern des Todes.

Sie konstruieren in unterschiedlichen Medien Nischen, wo die archaisch anmutenden, überkommenen Symbole und Bilder zirkulieren können, z.B. die Gothic Bildergalerien des WWW. Dort werden die Mythen der Szene wiederholt. Der Wunsch nach einer immer präsenten Enzyklopedie, bzw. einer Genealogie der Bilder des Stils, kann hier adäquat umgesetzt werden. Die wichtigste Funktion der Gruftie-Homepages im Internet ist daher, neben der online Kommunikation, das Sammeln und Tauschen von Bildern und Symbolen des Todes. Repetition und Variantenbildung eines Basisrepertoires an Bildern (z.B. Gothic Image Database, Gothic/Images/index) erheben das Netz zum virtuellen Archiv des Stils. Es bewahrt die Geschichten (z.B. über den Gool, ghoul, den Totengräber) und die immateriellen Bild-Repräsentanzen der oben genannten außeralltäglichen Symbolik des Stils, damit sie der stilinternen Autopoeisis immer wieder zur Verfügung stehen. (...)

 
Auszug aus der Publikation: "Die Repräsentation weiblicher Ästhetik in Jugendkulturen
und im Internet" [13.12.2000] von Frau Prof. Dr. Birgit Richard,
Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Institut für Kunstpädagogik