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Ein Bericht über Kleidung und Accessoires der Gothic-Szene
von Frau Prof. Dr. Birgit Richard

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Die Subkultur der Grufties, im musikalischen Bereich "Dark Wave" genannt,
entsteht Anfang der 80er Jahre in Großbritannien und ist die Weiterentwicklung der düsteren, resignativen Seite von Punk und New Wave (siehe Richard 1995). (...)

Von zentraler Bedeutung ist für diese Jugendkultur bis heute die
Farbe Schwarz als Symbolisierung
des unabwendbaren Todes und des Negativen. Die "Schwarzen", nehmen auch die traditionelle Symbolisierung des Bösen und des Teufels mit auf. Das reizvolle Zusammenspiel von Schwarz und unbedeckter Haut, der Kontrast von bleicher Gesichtsfarbe, schwarzer Schminke und Kleidung knüpft an die Ästhetik der bevorzugten Figuren der Schauerromane der Romantik an. Eines der Schönheitsideale ist dort der bleiche, weiße, weibliche Körper, der schwarz umhüllt ist. Bei den Grufties wird das Schwarz, das eigentlich für die zeitlich begrenzte Lebensphase der Trauer gedacht ist, in den alltäglichen Kontext gestellt und erfährt eine Generalisierung auf alle Lebensituationen. Die Farbe Schwarz wird kontrastiert durch das Silber von Metallbeschlägen und - verzierungen von Accessoires und Kleidung. In den 80er Jahren findet man an den sehr spitzen, schmal geschnittenen Schnallenschuhen, die an die Schnabelschuhe des ausgehenden Mittelalters erinnern, Totenkopf- oder Fledermausschnallen.

Typisch für die Grufties zu dieser Zeit ist, daß alle Kleidungsstücke wallend und locker am Körper getragen werden. Die Frauen bevorzugen anfangs eher lange Röcke und Kleider, die Männer oft weite türkische Hosen. Diese distanzierte Haltung zum eigenen Körper läßt sich durch die weiten Umhänge, Überwürfe, Schals, Draculacapes, Mönchskutten und Priestergewänder belegen. Anders als beim Punk wird eine deutlichere Trennung der Geschlechter postuliert, das heißt das sich vor allem die Frauen im Rahmen konventioneller weiblicher Kleidungsstücke bewegen. Einige männliche Gothics weichen mittels wallender Kleidung und geschminkten Gesicht die Geschlechtergrenze auf.
Mit dem aktiv-aggressiven Prinzip des Risses und der darauf basierende Ästhetik der Häßlichkeit und Armut des Punks haben die Grufties nichts zu tun. Sie stilisieren sich zu
aristokratischen "schönen" Todesengeln
nach historischen Schönheitsidealen. Daher sind in den 80er Jahren die bevorzugten Materialien weiche, traditionelle und natürliche Stoffe wie Spitze, Samt oder Seide, seltener Leder, Lack oder Gummi, die sich von einer romantischen Erotik entfernen.

In den 80er Jahren spielte eine ausgefallene Haartracht wie der markante "Teller", (auch Tellermine oder Tellerschädel genannt) bei den Männern eine große Rolle. Die Frauen bevorzugen zu dieser Zeit schwarze, lange, strubbelige Haare, die extrem toupiert sind und an die wirren Haare von Hexen erinnern sollen. Dazu tritt eine besondere Art des Schminkens, die oft von beiden Geschlechtern betrieben wird: Schwarzer Kajal, Lippenstift und Nagellack werden gegen ein kalkweißes Gesicht gesetzt. Diese "tote" Schminkweise, das "Totmalen" oder "Totrumlaufen", wie die Grufties es nennen, nimmt das Schicksal des zukünftig Toten vorweg und soll die Solidarität zu den Toten ausdrücken.

Das wichtigste symbolische Prinzip, das in Kleidung und Accessoires immer wieder zum Ausdruck kommt, ist der Versuch der Darstellung eines toten Körpers oder eines Wiedergängers, der sich in einer Zwischenwelt bewegt. Die Alltagskleidung der Grufties repräsentiert die permanente Feier des Todes und der Trauer.

In den 90er Jahren gehen die weiblichen Grufties offensiver mit Sexualität um. Es zeigt sich nicht mehr nur eine fragile Weiblichkeit, die des Schutzes bedarf, sondern auch eine deutliche aggressivere Tendenz, allerdings eher in die Richtung der Selbstverletzung. Es entwickelt sich die Gestalt des morbiden, luxuriösen Vamps, der Lack und Leder trägt. Die hexenhaften romantischen Stilacessoires sind in den 90er Jahren nicht mehr aktuell. Der Stil vollzieht also eine Modernisierung, worauf die Übernahme aller zeitgemäßen Infrastrukturen wie Gothic Events, Flyer und DJs hinweist. (...)


Auszug aus der Publikation: "Die Repräsentation weiblicher Ästhetik in Jugendkulturen
und im Internet" [13.12.2000] von Frau Prof. Dr. Birgit Richard,
Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Institut für Kunstpädagogik