gruftieszene

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"Die Gruftie- oder Gothic Punk- Szene"   

von Frau Prof. Dr. Birgit Richard

Die Subkultur der Grufties entsteht wie der Punk in Großbritannien. Sie wird im Independant- Bereich auch "Gothic Punk", "Dark Wave" oder "Doom" genannt. Die Gruftie- Stilisierung beginnt mit einer Nuancierung bestimmter Elemente des Punk. Mitte der 80er Jahre etablieren sich die Grufties, die dann auch die "Schwarzen" oder "Caves" genannt werden, mit eindeutigen Stilmerkmalen und einer eigenen Musikrichtung. Die von Anfang an vorhandene düstere, resignative Seite des Punk wird in einen neuen Stil überführt. Die "schwarze" Szene wird als eigenständiger subkultureller Stil erst dann wahrgenommen, als die Medien ihnen im Zuge der Esoterik- und New Age- Welle satanistisch- okkultistische Praktiken zuschreiben. Sie stilisieren die Grufties zum leicht erkennbaren Zentrum satanistischer Bedrohung, was vor allem deshalb geschieht, um davon abzulenken, daß okkulte Praktiken seit Mitte der 80er Jahre bei vielen der sogenannten normalen Jugendlichen zum Alltag zählen. Auffällig erscheint bei diesem sub-kulturellen Stil, daß es viele gleichberechtigt nebeneinander existierende Bezeichnungen für ihn gibt. Die Grufties haben meist Schwierigkeiten sich selbst zu bezeichnen. Anders als beim Punk ist das Attribut "Gruftie" keine stolze Abgrenzung gegenüber dem Normalbürger, sondern eher eine Art Stigma. Die äußere Erscheinung der Gruppierung mutet aufgrund ihrer phantastischen und nostalgischen Elemente im Vergleich mit anderen Gegenwartssubkulturen fremd und altertümlich an. Dies macht es nötig, den Stil zuerst eingehend vorzustellen, um dann sein Todesbild herauszufiltern.

Wertvorstellungen und Lebensgefühl der "Schwarzen"

In die "schwarzen Szene" gelangt man, wenn ein
bestimmtes Lebensgefühl artikuliert werden soll: das Erleben von Einsamkeit und Isolation, fehlende Zuwendung und Kommunikation, der Mangel an Freunden, Schul- und Identitätsprobleme, Enttäuschung in den ersten Liebesbeziehungen. Helsper nennt als weiteren Grund Familienprobleme, eine fehlende Beziehung zu den Eltern, die als grundlegende Fremdheit und Gleichgültigkeit der Eltern den Kindern gegenüber beschrieben wird. Der Stil ist außerdem gegen stark kontrollierte Strukturen, wie man sie noch oft in Kleinstädten und in Dörfern antrifft. Für die Grufties ist der Stil ein Forum, wo die Zweifel am Sinn des Lebens in introvertierter Weise bewältigt werden können. Eine beliebte Aktivität vieler Gothics ist daher auch sich seiner Melancholie hinzugeben, die eigenen Probleme zu verinnerlichen. Ihre Gedanken sind auch mit dem Tod anderer Menschen beschäftigt, mit dem Schicksal der Menschheit, mit Vorstellungen von Apokalypse, Endzeit und Umweltzerstörung. Die Gruppe wird fernab von Eltern und Schule, die keinen Halt mehr bieten, für die einzelnen Mitglieder zu einer sozialisatorischen Reproduktionsinstanz. Der Stil verleiht der individuellen Existenz eine symbolische und kulturelle Artikulationsmöglichkeit zur imaginären Bewältigung der Probleme.

Die Grufties sind eine Subkultur der
Trauer und der Melancholie
, die auf subjektiv erlebten und kollektiv geteilten Enttäuschungen aller Mitglieder basiert und zur Verarbeitung der resignativen und pessimistischen Lebenseinstellung führt. Es bildet sich eine Gemeinschaft der Einsamen, die ihren starken Kontaktwunsch zu Gleichgesinnten auch an bestimmten Treffpunkten, wie den "schwarzen" Discos, realisiert. Dieser Kontaktwunsch ist aber für Außenstehende nur bedingt wahrnehmbar. An diesen Orten wird vermittelt, daß die Isolation gepflegt und Coolsein kultiviert wird. Das freiwillig gewählte Exil, auf das man auch stolz ist, formuliert sich nochmals extrem im Tanzstil.

Das Absetzen von den normalen Jugendlichen und vom erwachsenen Bürger ist wie bei jeder Subkultur ein zentraler Wert. Auch die Grufties haben zwei Gegenpole: den
authentischen Gothic und den Mode- Schwarzen
. Dies ist bei den Grufties erstaunlich, da für die eigene Stilisierung oft auf vorfabrizierte Accessoires und Kleidungsstücke zurückgegriffen wird, die im Laden gekauft werden können. Es gibt im Vergleich zum Punk weniger kreativ Selbstgestaltetes. In Interviews bestätigen die Grufties, daß das Äußere "total wichtig" ist.

Entscheidend für die
Wertvorstellungen dieses Stils ist, daß die Grufties interne Tabuisierungen vornehmen: Eine davon betrifft den "Gool", den Totengräber, der auf dem Friedhof Gebeine ausgräbt, um sich oder sein Zimmer damit zu schmücken. Dieser sich größter medialer Beliebtheit erfreuende Typ erfährt innerhalb der Szene starke Ablehnung. Man bezeichnet ihn als einen Perversen. Das Ausgraben von Leichenteilen stellt für die Grufties eine nicht mehr tolerierbare Nähe zum Tod dar. Dies deshalb, weil dieser direkte Eingriff in den Bereich der Toten und des toten Körpers den nötigen Respekt vor der Ruhe der Toten vermissen läßt. Der unmittelbare Kontakt zum toten Körper und Grab, zur Selbststilisierung, wird als eine andere Form von Konsum kritisiert. Das heißt also, daß das, was als wesentliches Merkmal des Stils in der Wahrnehmung von Außenstehenden wie Erwachsenen und Medien erscheint, wie Grabrituale und nekrophile Aktivitäten, ein Gruppen-"tabu"
sind. Wer der medialen Typisierung entspricht, ist in der Szene eher ein Außenseiter. Extremgrufties, die nur noch nachts die Wohnung verlassen, keine Disco mehr besuchen, also die existentiell wichtigen sozialen Kontakte abbrechen, werden von den Grufties nicht akzeptiert. Diese Außenseiter haben nämlich die notwendige Verarbeitung ihrer todesnahen Grundstimmung aufgegeben. Der "Gool" ist für Außenstehende unerreichbar. Es bildet sich der Mythos einer verbotenen Zone der schwarzen Kultur. Diejenigen Personen, von denen man erzählt, daß sie mit Leichenteilen umgehen, sind trotz vehementer verbaler Ablehnung ein Faszinosum der Szene. Diese extremen Gothics stehen für die Existenz des realen Todes in der Szene, während der Rest der Szene den Tod stilisiert. Die Ablehnung dieser Praktiken hält die gruppenspezifische Todesfaszination in Grenzen.

Die Intensität der
Beschäftigung mit dem Tod zieht auch eine Beschäftigung mit dem Selbstmord nach sich. Der Suizidgedanke ist vertraut und nachvollziehbar, wird aber nicht als Lösung der Probleme eigener Existenz akzeptiert, sondern als Flucht und eingestandenes Scheitern an den eigenen Gefühlen von Verlust, Tod und Trauer, ausgelegt. Damit wird der Selbstmord zum zweiten Faszinosum der Szene, das auf der imaginativen Ebene verarbeitet wird. Daher sind die Gothics keine Subkultur des Todes, die ihre Mitglieder in den Suizid treibt
, wie es Medien und Politiker behaupten, sondern das Gegenteil davon: ein Versuch, sich mit der eigenen Einsamkeit und Todesnähe kritisch und zusammen mit anderen auseinanderzusetzen. Sie sind daher ebensowenig wie die Menschen der Romantik - von denen Aries gleiches behauptet - eine Jugendkultur, die den Tod liebt oder sehnlichst herbeiwünscht. Grufties entwickeln eine andere Beziehung zum Tod, da sie die große Angst anderer Menschen vor dem Sterben überwunden haben und dadurch neue Perspektiven für ihr Leben gewinnen. Die Beschäftigung mit dem Tod verdeutlicht den Grufties, daß sie hier und jetzt leben und ihre Probleme bewältigen müssen. Im Gegensatz zu anderen Menschen haben sie sich mit dem eigenen Tod auseinandergesetzt. In welchem Maße der subkulturelle Stil bei der Bewältigung des konkreten Todes eines Anderen, z.B. eines Gruppenmitgliedes, helfen kann, darüber kann hier keine Aussage gemacht werden, weil es dazu keine Selbstzeugnisse der Grufties gibt.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Stils ist die
Auseinandersetzung mit Religion
. Die "Schwarzen" verstehen das Spiel mit der Kombination von christlichen, magischen und Symbolen alter Kulturen als eine Religionskritik. Die schwarze Szene besitzt religiöse Merkmale, die auf eine diffuse Revision von Christentum und dessen Bräuchen verweisen. Man versucht, sich an christlichen Werten in säkularisierter Form, wie z.B. der Gewaltlosigkeit, zu orientieren. Der Hauptglaubensinhalt ist aber nicht, wie von den Medien behauptet, der Glaube an den Satan oder einen Gott - man kann sie eher als atheistisch bezeichnen - sondern an den Tod als eine übergeordnete Macht, der sich kein Mensch entziehen kann. Viele der Gothics kreieren eine Privatreligion mithilfe einer Art von "Religionsbricolage", durch die sie kulturell tradierte Religionen und die Religion anderer Ethnien als Rohstoff verarbeiten. Der Umgang mit magischen und okkulten Praxen ist für die Grufties deshalb attraktiv, weil sie mit einer anderen Zeit und damit mit einer anderen Zivilisationsstufe verbunden sind. Eine magische, von anderen Gesellschaftsteilen als irrational abgestempelte Symbolik kann die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche und der durchrationalisierten modernen Zivilisation ausdrücken. Die okkulten Praktiken werden von den Grufties meist mit einer größeren kritischen Distanz als bei den "normalen" Jugendlichen systematisch erprobt. Der praktizierende Satanist, der die Mächte des Bösen anruft und schwarze Messen in ihrer Extremform feiert, wird wie der "Gool" von der Mehrzahl der "Schwarzen" abgelehnt. Das Magische, Übersinnliche wird eine Quelle der Selbsterfahrung. Die reflexive Auseinandersetzung mit religiösen und okkulten Traditionen mündet nicht in eine okkulte Gruftiereligion. Das Gegenteil ist der Fall: Es wäre widersprüchlich, wenn sich die Grufties nach ihrem stilistischen Ausbruch aus ihrer dörflich- religiösen Eingleisigkeit wieder freiwillig in ein sie wiederum einengendes, geschlossenes System begeben würden.

Straße und Öffentlichkeit sind nicht existentiell wichtig für die Präsentation des Stiles, d.h. die
Grufties sind kein "street style"
. Sie sind nicht so präsent im Straßenbild, wie es die Punks einst waren, für die die Aufhebung der Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum eine große Rolle spielte. Die Gothics treffen sich lieber privat oder an ruhigen Orten wie dem Friedhof, wo sie nicht von Polizei und Bürgern gestört werden.

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen der Grufties ist ihre prinzipielle
Friedfertigkeit. Sie schlagen oft nicht zurück, wenn sie angegriffen werden und weisen auch nicht den aggressiv- provokativen Gestus der Punks auf. Auch wenn ihre Symbolik für Uneingeweihte vielleicht erschreckend erscheint, sie enthält weniger explizit aggressiv wirkende Accessoires, wie sie in der Drohgebärde der Punks vorherrschend sind.


Aus der Publikation: "Todesbilder in Jugendkulturen 1" [17.11.99]
von Frau Prof. Dr. Birgit Richard,
Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main,Institut für Kunstpädagogik